They burned witches here, you know. Our people, our ancestors. Whole lines of our history, licked up in flames. […] Brilliant women. The midwives and the alchemists. The freaks and the queers.
Über das kleine schottische White-Trash-Städtchen Pitlaw, durchsetzt von patriarchaler Gewalt und Ausweglosigkeit, bricht etwas Sonderbares und Sündhaft-Verlockendes herein: ein von Freaks und Außenseitern und queeren Menschen bevölkerter Wanderzirkus. Während eines zu heißen Sommers wird das an der Oberfläche geregelte Leben der Bewohner aus den Angeln gehoben, und das Versprechen von Freiheit und eines Lebens ohne Fesseln der Konvention (dem einige Kleinstädter erliegen) endet in einer finalen Eruption aus Rache und Gewalt.
Freakslaw ist das Romandebüt der schottischen Autorin Jane Flett, die mittlerweile in Berlin (wo auch sonst) eine neue Heimat gefunden hat.
Mit diesem Romandebüt begann mein Lesejahr mit einem Paukenschlag. Freakslaw ist ein Pageturner erster Güte und ein weiterer Beleg, warum in der Literatur nichts ist wie das Genre der Phantastik. In begabten Händen wie jenen Jane Fletts kann man nur in diesem Genre auf solch coole Weise von den teils krassen und gegenwärtigen Problemen unserer Gegenwart, unserer Kultur erzählen. In Freakslaw treffen die Ausgestoßenen, die Verwachsenen, die Dragqueens, die Fettleibigen, die Wolfsjungen, die siamesischen Zwillinge, die jungen rebellischen Voodooteenhexen … auf die spießige schottische Kleinstadtwelt. Die Handlung des Romans könnte sicherlich in jeder dieser zahlreich vorhandenen feindseligen Kleinstädte angesiedelt sein. Hier bestraft eine erdrückende und alkoholdurchtränkte patriarchale (heteronormative) Gewaltkultur jede Abweichung wenigstens mit Ausgrenzung, schlimmstensfalls mit brutaler Gewalt.
Dieses System wird nun vom neonbunten Wanderzirkus und seinem devianten Figurenarsenal auf eine letztendlich zu große Zerreißprobe gestellt: sind hier doch tatsächlich Freaks, die stolz erhobenen Hauptes und mit agency durch die Welt schreiten. Das erträgt das System nicht. Möge das Chaos beginnen.
Freakslaw ist ein flott geplotteter Roman mit eindrucksvollem Worldbuilding. Ein sympathisch-durchgeknalltes Arsenal aus vielschichtigen & dreidimensionalen Charakteren trifft auf einen flotten Plot und meisterliche Sprache.
Die Verlockung einer anderen Welt nach ihren eigenen Regeln, das Versprechen, in Freiheit und außerhalb heteronormativer Konventionen existieren zu können, von der alle Outlaws in ihrem Leben wenigstens einmal träumen, wird hier erlebbar gemacht. All das verpackt in den Rahmen der Urban Fantasy, die erst subtil daherkommt und nur angedeutet wird, und im Finale schließlich auf 11 dreht.
Gesellschaftskritik trifft auf Urban-Fantasy-Pageturner: ein großer und mitreissender queerer Spaß.
***** (5/5)
Jane Flett: Freakslaw
Penguin Random House UK, 2024
356 Seiten

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